Kulturanthropologische Reflexionen zu Gestaltungsprozessen im Alltag 

Der vorliegende Band besteht aus Diskussionsbeiträgen der Doktorand*innen des Oberseminars „Fluide Kulturen“  der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Dem Seminar lag die Grundidee zugrunde, dass Kultur nicht nur einem fetischistischem Zweck dient, sondern als Ausdruckskultur kontinuierlicher Praxis unterworfen ist. Diese Praxis ist als Vergemeinschaftungsausdruck eines zunächst freien Individuums zu verstehen. Es wird die Optionalität des individuellen Handelns betont, da das Individuum frei und gestalterisch tätig ist. Institutionen und soziale Strukturen beeinflussen mit ihren Angeboten zwar das Weltverständnis. Da sie aber nie eine individuelle Zuständigkeit reklamieren, sind die tatsächlichen Handlungen nicht durch sie begründbar.

Handlungen des Einzelnen im Alltag sind Ausdruck von Entscheidungen und Urteilen, die dieser auf der Grundlage von Begegnungen und Verständigungen, von Werten und Affekten trifft.  

Konsum, Krisen und Kreativität 

Die Beiträge decken eine Vielzahl von Themen ab. Johannes Steffens Beitrag „Existiert eine Multitude im Konsum?“ studiert die von Unternehmen zu leistende immaterielle Arbeit und die immaterielle Qualität, die diesen Produkten durch Marketing zugeschrieben wird. Die diskutierte Spannung, die dem Beitrag als Thema zugrunde liegt, entsteht aus der Freistellung der Arbeitnehmer von produktiven Tätigkeiten und den daraufhin eingeschränkten finanziellen Gestaltungsmöglichkeiten und dem Aufwand, der von den Unternehmen geleistet werden muss und geleistet wird, auch wenn die vom Marketing gemachten Versprechen unerreichbar sind.

Im Beitrag „Krise, Krankheit, Krönung“ wird analysiert, wie Individuen Diskursmuster verinnerlichen und dadurch ihr Handeln und Deuten geprägt wird. Zu dieser Fragestellung untersucht Ute Bergmann zwei „Texte“ zum Thema Burnout. Der erste ist der Text einer Burnout-Syndrom erkrankten Frau, der zweite sind die zusammengefassten Erzählungen über einen Betroffenen, der sich stets weigerte, die Diagnose Burnout zu akzeptieren. Bergmann zeigt auf, wie sich Spezialdiskurse durch die mediale Auswahl verschieben, verkürzen und entstrukturieren und dagegen affektive, handlungsorientierte Konzepte deutungsstärker werden.

Henrik Kren beschäftigt sich mit dem Phänomen des Groundhoppings von extremen Fußballfans.  Das „Sammeln“ von Fußballstadien trifft in den Medien auf Unverständnis, und diesem Hobby wird Banalität, Skurrilität und eine dystopische Vorstellung von Männlichkeit vorgeworfen.  Kren arbeitet in seinem Beitrag diese medialen Zuschreibungen heraus, analysiert Interviews und Blogs und stellt sie dann mit den individuellen Verarbeitungsstrategien in Bezug. Somit wird gezeigt, dass die Einzelnen jenseits von simpler Verweigerung oder purer Negation der medialen Konzepte eher versuchen, die negativen Zuschreibungen als individuelle Praxis der Alltagsgestaltung darzustellen.

Oleg Pronitschew analysiert Musikerinterviews mit Hinsicht auf Subjektivierungsformen und Handlungspotenzial in seinem Beitrag „Seine eigene Stimme finden“. Er interessiert sich für die erbrachte Vermittlungsarbeit von gesellschaftlichen Zuschreibungen und Selbstmodellierungen.Die Analyse zeigt, wie die Interviewten jenseits von Traditionen Musik als Geschäft und als Raum der Selbstverwirklichung begreifen und sich aneignen. Künstlersein bedeutet laut Pronitschew also einerseits die Bereitschaft, sich selbst auf dem Markt anzubieten und andererseits die unverwechselbare künstlerische Individualität zu markieren.

Peter Hinrichs studiert in seinem Beitrag „Kreativität als gegenkulturellePraxis – Über Möglichkeitsräume des Widerstands“, wie sich gegenkulturelle Praxis in der postfordistischen Gesellschaft realisiert. Am Beispiel der Punkband Pussy Riot, dem Künstlerkollektiv Woina und der Organisation Exit. In Deutschland wird untersucht, wie sich deren Aktionen moderne Medien aneignen und die Gruppen ihre Bekanntheit dadurch steigern. Es wird weiterhin gezeigt, welche Veränderungen sich in der Wahrnehmung und Ausformung politisch kultureller Handlungen zeigen und welche Bedeutung diesen „counter cultures“ von den Rezipienten beigemessen wird.

Der letzte Beitrag des Bandes, wieder von Schmidt selbst verfasst, beschäftigt sich mit dem Thema „Heimat“. Schmidt untersucht einerseits den Mythos „Heimat“, der eine Fetischisierung erfährt und bewusst für inkludierende/exkludierende Zwecke eingesetzt wird.  Andererseits beschäftigt er sich damit, wie Heimat aktiv durch soziale Veranstaltungen kreiert und somit der Bezug zur „Heimat“ diskontinuierlich aufgebaut wird.

Die Aufsätze decken eine Vielzahl von Aspekten ab, die sich mit sehr breiten Themen (Heimat, Komsumverhalten), aber auch mit sehr spezifischen Themen (Groundhopping als Fankultur,  counter cultures) befassen und somit aufzeigen,  wie „Kultur“ in all ihren Ausprägungen den Menschen beeinflussen und wie sie wiederum von ihm beeinflusst wird.

Andreas E. Schmidt (Hrsg.): „Zwischen Virtuosität und Struktur. Kulturanthropologische Reflexionen zu Gestaltungsprozessen im Alltag“

Print: ISBN 978-3-7369-9148-4, 39,90 €
E-Book: ISBN 978-3-7369-8148-5, 27,93 €
Sprache: Deutsch, 314 Seiten, Cuvillier 2015


 

Ansprechpartner für weitere Informationen und Bildmaterial:

Friederike Sajdak
Marketingabteilung

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