Wie Freund und Feind von Großbritannien erschüttert wurden

Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, so bezeichnete  der US-amerikanischen Historiker und Diplomaten George F. Kennan  den ersten Weltkrieg. Mit der Unterzeichnung des Vertrags von Versailles verlor Deutschland, auf starkes Betreiben Großbritanniens hin, seine Kolonien. Peter de Bourgraaf, freier Historiker in Amsterdam und Berlin, veröffentlicht in seiner internationalen Vortragsreihe „Versailles im zweiten Jahrhundert“ die These, dass sich der Beginn der Urkatastrophe auf den Alleingang Großbritanniens zurückführen lässt, wie die Frage der Kolonien, die hohen Reparationsforderungen und die Alleinschuldzuweisung an Deutschland einen dauerhaften Frieden in Europa verhindert haben.

Der Nationalstaat als Basis für Kolonisationspolitik

De Bourgraaf bezeichnet Deutschland als „verspätete Nation“, denn erst das Kaiserreich von 1871 begann systematisch mit der Neugründung von Kolonien. Doch bereits ein knappes Vierteljahrhundert später war Deutschland den namhaften Nationalstaaten dicht aufgerückt. Mit vier Kolonien in Afrika, Inselreichen in im Pazifik, der Insel Samoa und einer chinesischen Küstenkolonie hatte Deutschland flächenmäßig aufgeholt, was der Versailler Vertrag dann beenden sollte. Daraus folgert de Bourgraaf, dass hier manch Schlüssel zum Verständnis der Geschichte des zwanzigsten Jahrhundert liegt. Mit Waffenstillstand-vertragswidrigen Handlungen der Alliierten und assozierten Mächte wurden einseitige Interessen des britischen Empires, oder wie de Bourgraaf es ausdrückt, des britischen Imperialismus Rechnung getragen. Deutschlands Handelsvertretungen wurden weltweit aufgelöst, Anteile an englisch-deutsch geführten Unternehmen in britische Hände überführt und Deutschland nicht nur als Verlierer eines Krieges, sondern auch als moralisch unterlegener und untauglicher Kolonialherr gebrandtmarkt.

Buch der großen Linien

De Bourgraaf zieht eine große Linie von der Urkatastrophe des ersten Weltkriegs bis hin zum Brexit genau 100 Jahre später. Wie beides zusammenhängt, stellt er anhand historischer Vorgänge dar, doch zieht er auch gruppenphsychologische Prozesse hinzu, um darzustellen, welche Wirkung die Entkolonisierung Deutschlands hatte – über den zweiten Weltkrieg bis hin zum folgerichtigen Brexit 2016. Der Kriegsschuldlüge ging die koloniale Schuldlüge im Winter 1919 voran, und sie endete erst im 2010, als die letzten Reparationszahlungen getilgt wurden.

Leseprobe

Peter de Bourgraaf: Hundert Jahre Urkatastrophe. Der Kolonialvertrag 1919
Printausgabe
ISBN 978-3-73699-587-1 € 19,19

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