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Cuvillier Verlag

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„Experimentier´ nach 4"

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„Experimentier´ nach 4" (English shop)

Steigerung der Bildungschancen von Lernenden aus sozial benachteiligten Schichten durch außerschulische Projekte zur unbelebten Natur

Mareike Wehmeier (Author)

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ISBN-13 (Printausgabe) 3954040484
ISBN-13 (Hard Copy) 9783954040483
ISBN-13 (eBook) 9783736940482
Language Alemán
Page Number 240
Lamination of Cover matt
Edition 1 Aufl.
Volume 0
Publication Place Göttingen
Place of Dissertation Bielefeld
Publication Date 2012-03-14
General Categorization Dissertation
Departments Chemistry
Description

Das Ziel der vorliegenden Forschungsarbeit war es, ein außerschulisches Experimentierprojekt für Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Schichten zu entwickeln. An Betreuungseinrichtungen der offenen Kinder- und Jugendhilfe in sozialen Brennpunkten sollten Lernende auf freiwilliger Basis an alltagsnahe und berufsorientierte Phänomene der unbelebten Natur herangeführt werden. Mit Hilfe der experimentellen Auseinandersetzung sollte in positiver Lernatmosphäre Interesse an naturwissenschaftlichen Inhalten sowie Freude am Experimentieren geweckt oder gesteigert werden.
Als Ausgangslage dienten die ungleichen Bildungschancen, die in Deutschland so stark wie in keinem anderen Industriestaat der Welt ausgeprägt sind. Die soziale Herkunft bestimmt über den Bildungsweg, Schulleistungen und Lebenschancen. Gerade Menschen mit Migrationshintergrund haben es hierzulande durch frühe Selektion schwer, qualifizierende Schulabschlüsse zu erreichen. Auch auf dem Lehrstellen- und Arbeitsmarkt setzt sich die Benachteiligung fort.
Unter diesen Vorzeichen ist es geradezu fatal, dass für eine Vielzahl an Stellen – insbesondere im naturwissenschaftlich-technischen Bereich – die dringend benötigten Fachkräfte fehlen. Die im Bildungswesen bisher vernachlässigten Zielgruppen weisen ohne Zweifel das Potential auf, diesen Fachkräftemangel zu kompensieren. Die frühestmögliche und gezielte Förderung von MINT-Qualifikationen bietet demnach nicht nur für den einzelnen Lernenden, sondern auch für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands Chancen.
Über das Schulwesen gelingt es trotz vielerlei Bestrebungen bislang noch nicht, für gerechte Bildungschancen zu sorgen. Daher wurde für diesen Forschungsansatz als Arbeitsfeld bewusst der außerschulische Bereich gewählt. Die OKJA wird entgegen gesetzlicher Verankerungen eines Bildungsauftrags, der auch „naturkundliche und technische Bildung“ umfasst, nur ansatzweise für die Vermittlung von naturwissenschaftlicher Bildung genutzt. Jedoch verbergen sich gerade dort Möglichkeiten, über niederschwellige Angebote Menschen aus sozial benachteiligten Schichten zu erreichen und diese fernab von schulischem Leistungsdruck an MINT-Themen heranzuführen, mit denen sie in dieser Form ansonsten nur wenig in Kontakt kommen.
In mehreren Arbeitsschritten wurde die zwölfwöchige Experimentierreihe mit dem Namen „Experimentier’ nach 4“ entwickelt und optimiert, die in verschiedenen Einrichtungen der OKJA durchgeführt wurde. Im Vordergrund der bewusst offen gehaltenen empirischen Untersuchung standen drei Hypothesen, mit Hilfe derer untersucht werden sollte, (1) mit welcher Verbindlichkeit die Kinder und Jugendlichen das freiwillige Experimentierangebot über einen längeren Zeitraum wahrnehmen, (2) ob der affektive und kognitive Zugang zu Themen der unbelebten Natur durch außerschulische Experimentierprojekte im Rahmen der OKJA erleichtert werden kann, und (3) ob hierüber bei den Lernenden eine erste Annäherung an die Alltags- und Berufsrelevanz naturwissenschaftlicher Phänomene erreicht werden kann. Im Hinblick auf die Leitfragen konnten im Rahmen der Untersuchung einige Antworten gefunden werden.
Drei Viertel der beteiligten Kinder und Jugendlichen nahmen das Experimentierangebot an mindestens der Hälfte der angebotenen Termine freiwillig wahr. Über die Anwesenheit hinaus konnte anhand weiterer Untersuchungsergebnisse festgestellt werden, dass die Lernenden das Angebot mit einer ausdauernden Verbindlichkeit annahmen. Sie beteiligten sich aktiv und berichteten auch außerhalb der Einrichtungen von den durchgeführten Experimenten. Ebenso konnte aufgezeigt werden, dass grundlegende Prinzipien verinnerlicht wurden und Phänomene zum Teil auf andere Experimente übertragen werden konnten. Darüber hinaus veränderte sich die Einstellung gegenüber chemischen und physikalischen Inhalten und der Alltags- und Berufsrelevanz von naturwissenschaftlichen Themen.
In Zusammenarbeit mit der Handwerkskammer OWL konnte das freiwillige Engagement der Kinder und Jugendlichen in Form eines Zertifikats honoriert werden. Dieses kann zukünftigen Bewerbungen beigefügt werden und möglicherweise neben aufgebauten naturwissenschaftlichen Grundkenntnissen sowie dem Ausbau von soft skills einen Beitrag zur Verbesserung der Bildungs- und Bewerbungschancen sozial Benachteiligter leisten.
Auf Basis der Ergebnisse wurden Rahmenbedingungen formuliert, die Hinweise geben, unter welchen Umständen offene Kinder- und Jugendeinrichtungen für derartige Experimentierprojekte sinnvoll genutzt werden können. Die vorliegende Untersuchung stellt nur einen ersten Schritt in eine möglicherweise Erfolg versprechende Richtung dar. Auf dem Weg zu einer dauerhaften Etablierung im offenen Bereich der Kinder- und Jugendhilfe müssen noch einige Weichen gestellt werden.
In weiteren kleineren Interventionsstudien im Bereich der Familienbildungszentren wurde der Blick daher über die Jugendlichen hinaus auch auf andere Personengruppen gelenkt. So wurden zum einen auch Mitarbeiter der OKJA in Fortbildungen an Themen der unbelebten Natur herangeführt. Im Rahmen der „Eltern-Uni“ wurden zum anderen Eltern und Großeltern mit Migrationshintergrund eingeladen, sich experimentell mit alltagsnahen chemischen und physikalischen Phänomenen auseinanderzusetzen.
Beide Wege sollten aufzeigen, dass das Experimentieren eine spannende und sinnvolle Freizeitbeschäftigung für Kinder und Jugendliche sein kann, die sich gut in den Familienalltag oder den Freizeitbereich integrieren lässt. Der weitere Ausbau dieser Ansätze könnte aufbauenden Forschungsarbeiten eine viel versprechende Grundlage bieten. Zu den zentralen Fragen zählen: Wie können Mitarbeiter der OKJA motiviert werden, selbstständig Experimentierangebote zu entwickeln und umzusetzen? Wie könnte es gelingen, bei Familienangehörigen die Freude am gemeinsamen Experimentieren mit ihren Kindern zu wecken und somit das Image der Chemie und der Physik zu verbessern?
Es bieten sich aber auch noch weitere Ansatzpunkte für anknüpfende Forschungsprojekte. So könnte sich eine intensivere Betonung der Berufsperspektive lohnen. Ein Weg könnte die Kooperation mit klassischen berufsvorbereitenden Maßnahmen sein. Hier würde es sich allerdings anbieten, den Schwerpunkt auf etwas ältere Jugendliche zu legen. Die vorliegende Untersuchung hat gezeigt, dass zehn- bis 14-Jährige nur diffuse Vorstellungen von ihrer beruflichen Zukunft und den damit verbundenen notwendigen Kompetenzen besitzen und dass die Berufswahl in diesem Alter kaum Thema ist.
Ein zusätzlicher Ansatz könnte die Untersuchung des Gender-Aspektes sein. Können speziell heranwachsende Mädchen durch außerschulische Experimentierprojekte in geschlechtshomogenen Gruppen im MINT-Bereich gestärkt werden?
Es liegt der Verdacht nahe, dass die außerschulische Auseinandersetzung mit Themen der unbelebten Natur auch einen Einfluss auf den schulischen Bereich hat. So haben einige Teilnehmer im Anschluss an die Experimentierreihe angegeben, nun mehr Freude an naturwissenschaftlichen Schulfächern zu haben. Es könnte interessant sein, zu untersuchen, ob sich die Begeisterung der Kinder für naturwissenschaftliche Inhalte im außerschulischen Bereich auch mit den schulischen Leistungen deckt. Denkbar wäre hier zum Beispiel eine Untersuchung mit zwei Vergleichsgruppen sowie Befragungen unterrichtender Fachlehrer.
Dieses weite Untersuchungsspektrum verdeutlicht, dass das mit dieser Untersuchung betretene Forschungsfeld bei Weitem nicht ausgeschöpft ist. Auf dem Weg in eine Zukunft mit mehr Bildungsgerechtigkeit und kompetentem Nachwuchs muss es Deutschland gelingen, formelle Bildungsinstitutionen enger mit außerschulischen Einrichtungen zu verzahnen. Auf der anderen Seite ist es notwendig, dass die Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendhilfe ihr Potential nutzen und ihrem Bildungsauftrag auch im Hinblick auf die Vermittlung von MINT-Qualifikationen stärker nachkommen. Die vorliegende Untersuchung konnte Wege dazu aufzeigen und vielleicht eine erste Brücke bauen.